Im Pustertal auf den Spuren von Beda Weber - Rodeneck und Mühlbacher Klause
18. April 2010 | Wandertouren | Dolomiten
“Der Berg von Rodeneck heißt seiner Fruchtbarkeit wegen im Volksmund, der goldene, von sieben Gemeinden bewohnt, die ein scharf ausgeprägtes Wesen an sich Tragen, das sie von ihren Nachbarn merklich unterscheidet. Die Menschenzahl mag auf tausend Seelen steigen. Das Heidekorn gedeiht vortrefflich, davon lebt der Bauer, das übrige Getreide wird verkauft. Obst wächst viel und gut, aber die schmackhaften Kirschen behaupten den Kranz.
Die Leute sind sparsam, aller Veränderungen in Kleidung und Lebensbedürfnissen abhold, selbst in ihren Ehen alles Fremdartige ausschließend. Ihre wehmütigen Gesänge erinnern an die langhinausgezogenen Töne der italienischen Bauern in Tirol. Allenthalben romanische Ortsbenennungen, die auf romanische Abkunft hinweisen. Die schöne Kirche selbst steht frei über den Abgründen des Rienzbaches, und ihr gegenüber auf der nämlichen Scheide des Bergabhanges erhebt sich des Schloß Rodeneck (Anm.: Heutige gebräuchliche Schreibweise Rodenegg). Der Fels, welcher dasselbe trägt, ist von drei Seiten von der Rienz umbraust. Es war der Stammsitz der Herren von Rodeneck oder Rodank, eines der mächstigsten Geschlechter des Tiroler Adels. Friedrich von Rodank, ein Zeigenosse des Bischofs Hartmann von Brixen, hat es gebaut.
Als es später nach mancherlei Schicksalen an den Landesfürsten zurückfiel, belohnte Maximilian I. im Jahre 1491 damit die treuen Dienste des kriegsgewohnten Veit von Wolkenstein, eines Enkels des berühmten Minnesängers Oswald von Wolkenstein. Dieser gründete hier die jüngere wolkensteinische Geschlechtslinie, die sich von Wolkenstein-Rodeneck schreibt, und noch im Besitze des Schlosses ist. Es war einst sehr fest, zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges ein Anhaltspunkt gegen die drohende Kriegsgefahr und ist noch jetzt sehenswert, obgleich größtenteils durch Brand zerstört.
Der Reisende betrachtet mit großem Vergnügen das Porträt des Dichters Oswald von Wolkenstein, mit dem Beinamen Der Einäugige. Oswald hatte in seiner Jugend sein Auge beim Bolzenschießen verloren. (Anm.: Eine Untersuchung des Schädels im Jahre 1970 widerlegte diese Legende; es handelte sich um eine angeborene Missbildung).
Ma betrachtet hier nach allen Seiten hin auf die herrlichste Landschaft. Vom Schlosse kann man über die Rundler Brücke nach Schabs hinübergehen. Lieber wandern viele Reisende auf die Alpe Ast im gebirge über Rodeneck, und steigen, von den herrlichen Bildern der Bergwelt belohnt, nach Lüsen hinunter. Das Wirthaus zu Vill, der vorzüglichsten Häusergruppe der Rodenecker Berge, bietet eine ländlich anständige Unterkunft.
Wandern wir auf der Pustertaler Straße von Mühlbach weiter, so erreichen wir eine halbe Stunde außerhalb des Marktes die Überreste der Mühlbacher Klause, früher auch Klause von Haslach genannt. Einst die Grenze zwischen Görz und Tirol. Seit den letzten Franzosenkriegen liegt sie zerstört. Im Jahre 1809 wurde hier der französische General Ruska verwundet, und die Folge dieser Verwundung war sein früher Tod in Genua.
Hinter der Klause wird das Tal bald weiter, man erblickt Unter-Vintl am Eingang ins Weitental auf lieblichen Feldern, die gut angebaut sind. Das dort zählt etwa 380 Einwohner. Die Ortskirche, 1760 erbaut und von Josef Zoller mit Fresken ausgeschmückt, hat zwei Glocken im Turme, die zu den ältesten im Lande gehören. Von Gewerben sind hier einige Ringmacherstätten, die in Messing und Silber arbeiten, zu bemerken. Ihre Ware geht größtenteils auf die Messen nach Bozen. Hier treten zuerst die Bauern und Söldner in scharfer Sonderung auf. Die ersteren sind unabhängige Besitzer auf größeren Höfen, die letzteren nur Hausbesitzer und Tagelöhner ohne bedeutendes Feldwesen, aber teilnehmend an der Gemeindeweide und Holzrechten.”
Teil 1: Mühlbach und Meransen
Beda Werber 1798 in Lienz (Osttirol) geboren war Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung und verlegte bis zu seinem Tod 1858 zahlreiche Bücher und Reiseführer. In In Lienz, Bozen, Innsbruck, Bruneck und Meran wurden Straßen nach ihm benannt, ausserdem das Gymnasium in Meran. Seit 1907 steht eine Büste Webers auf der Gilfpromenade.
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Wer hier schreibt, hört auf den Namen Matthias Süß und hält sich meist mehrere Tage pro Monat in Südtirol auf. Dies ist sein Versuch, das Urlaubsland aus einem persönlichen Blickwinkel näher zu bringen.







